ÄRZT(inn)E(n)GESUNDHEIT
Können wir ÄrztInnen nicht selber für unsere Gesundheit sorgen? Können wir überhaupt einen unverstellten Blick auf die eigene gesundheitliche Verfassung haben?
Einige Fakten scheinen das für bestimmte Situationen zu verneinen:
„Burn-out, Depressionen, Angststörungen und Suizidalität treten bei Ärzten und angehenden Ärzten in Deutschland häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Zudem weist fast jeder vierte Arzt einen gefährlichen Alkoholkonsum auf. Verantwortlich hierfür sind Belastungen durch berufsspezifische Arbeitsbedingungen (zum Beispiel lange, oft ungeregelte Arbeitszeit und Schichtdienste, Zeitdruck, hohes Maß an Verantwortung, Übermaß an Bürokratie, mangelnde Anerkennung), Arzt-Patienten-Beziehungen (insbesondere durch hohe Patientenerwartungen) und Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie... „ (Ärzteblatt 12/2019)
Und die Situation hat sich in der Corona- Pandemie wohl nochmals verschärft:
„Covid-19 führte im Arbeitsalltag zu Konflikten mit den medizinisch-ethischen Grundsätzen. Mehr als ein Drittel der Befragten, vor allem Niedergelassene, fühlte sich durch externe Zwänge in ihrer ärztlichen Arbeit behindert. Fast die Hälfte (48 %) der Klinikärzt:innen und gut ein Viertel (27 %) der Niedergelassenen berichteten über Fälle, in denen sie große Schwierigkeiten hatten, die Patientenwürde zu wahren.
Die vielen negativen Erlebnisse hinterließen bei auffällig vielen Medizinern deutliche Spuren: Auf dem Gipfel der vierten Pandemie-Welle litt ein Viertel der Befragten an einer Depression (23 %) oder einer Angststörung (24 %). Ein Vergleich mit Studien zu Beginn der Pandemie bestätigte einen deutlichen Anstieg der emotionalen Belastung. Mehr als die Hälfte (63 % der Klinikärzte und 53 % der Niedergelassenen) äußerte zudem ein Gefühl der Hilflosigkeit. (https://www.nature.com/articles/s41598-023-32412-y)
Im Ärzteblatt 2022, Heft: 10 Rheinland- Pfalz gibt es eine Hintergrundübersicht zu einer umfassenden Erhebung zu den regionalen Zahlen bei Suchterkrankungen. Hier hält die Landesärztekammer übrigens ein erfolgreiches Programm „Beratung vor Strafe“ vor.
Ein weit gefächertes Angebot für Angehörige aus Sozial- und Gesundheitsberufe findet sich auch auf www.blaupause-gesundheit.de
Zum Selbstverständnis der Initiatorengruppe hier die folgende Beschreibung:
„Wie kann das Reden über mentale Gesundheit im Sozial- und Gesundheitswesen selbstverständlich werden?
Was brauchen „Profis“, um Einsicht in eigene psychische Erkrankungen zu bekommen?
Wie kann das Verständnis für psychische Krankheit gefördert werden?
Wie können niedrigschwellige Hilfsangebote für “Expert*innen” aussehen?
Genau da ist aber der Weg zu einer besseren Prävention scheinbar aussichtsloser Situationen. Wenn wir ÄrztInnen begreifen, dass wir keine außerirdischen Spezies sind, sondern uns zugestehen, als normale Menschen auch normale PatientInnen zu sein, wird es uns auch weniger schwerfallen, uns in eine „normale“ fachkundige Behandlung zu begeben.
Zu Resilienzfaktoren wurde auch geforscht ( https://www.bundesaerztekammer.de/ fileadmin/user_upload/_old-files/downloads/09-08_Visitenkarte_2011.pdf ), wobei sicher am spannendsten die Identifikation der die Resilienz stützenden Faktoren ist.
„...Wir baten die befragten Ärzte um eine Zusammenfassung ihrer persönlichen „lessons learned“ in Form eines Ratschlags an die nachfolgenden Mediziner- generationen. Acht Schwerpunkte kristallisierten sich heraus:
1) Aufrechterhaltung und Pflege von privaten Interessen
2) Selbstfürsorge und Achtsamkeit: eigene Grenzen wahrnehmen und schützen
3) Kollegialen Austausch suchen und pflegen
4) regelmäßig Erwartungen und Prioritäten prüfen
5) frühe Auseinandersetzung mit eigenen biographischen Anfälligkeiten
6) Hilfe suchen und annehmen
7) finanzielle Risiken minimieren
8) bewusste Nähe-Distanz Regulation im Patientenkontakt.
Wenn Sie diese Aufstellung nachdenklich zurücklässt, ist der Beginn gemacht. Vielleicht ein letztes Bild: Bevor das allgemein als selbstlos wahrgenommene Organ Herz andere Organe mit frischem Blut versorgt, ist zuerst das Herz selbst über die Koronarien an der Reihe. Das sollte uns vielleicht ein Vorbild sein.


